Industrielle Fernsteuerungen

Fernsteuerungen kennt und hat so ziemlich jeder. Z.Bsp. in Form einer Fernbedienung für den Fernseher. Auch hier werden unterschiedliche Kommandos per Funk übertragen und die Flimmerkiste zum Leben erweckt, die Sendung gewchselt, der Ton reguliert und vieles mehr. Während Fernbedienungen im privaten Bereich noch relativ jung sind – in der Regel gibt es diese erst seit 40 Jahren, fand der Einzug der Fernsteuerung schon um 1900 in die Industrie statt. Etwa in selbstständigen Fernmeldeämtern, wo das Fräulein vom Amt ersetzt wurde.

Mit der „großen Elektrisierung der Berliner S-Bahn“ ergab sich auch die Notwendigkeit, die im Stadtgebiet dezentral angeordneten Unterwerke fernzusteuern. Hier einige historische Fakten.
Im Sommer 1926 beschloss die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft die sofortige Durchführung des elektrischen Ausbaus der gesamten Berliner Stadt, Ring– und anschließenden Vorortbahnen.
Die Art der über das Stadtgebiet verteilten Speisung erwies sich inn elektrischer und ökonomischer Hinsicht als vorteilhaft gegenüber einer zusammengefaßten Stromversorgung. Sie war aber nur möglich, wenn die Werke ohne ständige Bedienung betrieben werden konnten. Die Werke mußten selbsttätig sein. Eine vollkommen selbsttätige Anlage schied aus, weil hierbei die Beweglichkeit, die ein so großer Betrieb verlangt, nicht vorhanden ist.

Das Wartenpersonal muß jederzeit über den gesamten Schaltzustand im Netz unterrichtet sein. Jede Schaltungsänderung in einem der Unterwerke soll selbsttätig an die Schaltwarte zurückgemeldet werden, so daß sofort entsprechende Maßnahmen zur Vermeidung und Behebung einer Störung getroffen werden können. Zu diesem Zwecke ist es erforderlich, daß von einer zentralen Stelle wie der Schaltwarte die Werke einzeln ein- und ausge­schaltet werden können.
Es wurde daher eine Fernsteuerungsanlage von Siemens & Halske mit selbsttätiger Rückmeldung, Fernmessung und Leuchtschaltbild eingebaut.
Für die Übermittlung der verschiedenen Schaltbefehle vom Unterwerk nach der Schaltwarte wäre eine große Anzahl von Steuerleitungen erforderlich gewesen. Es war daher Vorbedingung, daß die Fernsteuerung derartig ausgebildet wurde, daß zwei Leitungen eines Telephonkabels für ein Werk ausreichten..1

Eine komplizierte Anordnung von Drehwählern und Vielfachumschaltern sorgte in der Zentrale als auch in der ensprechenden Unterstation über eine 4-Drahtleitung (2 Drähte für die Sendung und 2 für die Rückmeldung) für die Verständigung.Alle Befehle wurden wie im Bild links ersichtlich, über eine Tafel an die entsprechende Fernsteuerung übermittelt. Diese stand in der Regel ein Stockwerk tiefer in unmitelbarer Näher zur Schalttafel. Auch die ankommenden Rückmeldungen wurden über dies Tafel dem Wartenpersonal signalisiert. Steuerung und Rückmeldung erfolgt über einen sogenannten Steuerquittierschalter. Bei Schaltungsänderungen beginnt der Schalter zu blinken, bis quittiert worden ist, d. h. der Quittungschalter muß in die entsprechende Stellung seines zugehörigen Öl-, Trenn- oder Schnellschalters gebracht werden. Durch besondere Beleuchtungsrelais ist erreicht, daß die Leuchtstreifen dunkel werden, wenn der dargestellte Teil der Anlage spannungslos wird.

Auf Grund der doch recht üppigen Bauform der Technik mußten Steuerung und Meldung der verschiedenen Anlagenteile auf das wesentliche begranzt werden. So fanden in de 20er und 30er Jahren auf einer Schalttafel von 650mmm Breite 15 Schalter, 4Meßinstrumente, 6 Meldelampen und 2 Warnlampen Platz. Die Fernsteuerungen hatten die Größe von großen Kleiderschränken. Das bedeutete zur damaligen Zeit , daß in der Etage unter der jeweiligen Schaltwarte ca 10 – 30 solcher Schränke standen. Für jede Unterstation einer. Heutzutage reicht auch einer – für über 80 Unterwerke in Berlin!

Doch dazu später.

Wie auch heute, hatte die Technik damals so ihre Tücken.

Als schwerste Störung für den Betrieb wird ein Außertrittfallen der sogenannten Laufschalter empfunden, da dann das betreffende Werk für die Speisung nicht überwacht ist. Es wurde ermittelt, daß durchschnittlich nach etwa 40 Tagen ununterbrochener Laufzeit die Fernsteuerungseinrichtung einmal außer Tritt fällt. Es gab aber auch Ausnahmen, die über 200 Tage ununterbrochen liefen.

1) Dr. Schleicher „Die elektrische Fernbedienung von Unterstationen“ Siemenszeitung 1928 Heft 4 u. 5